Sanieren ohne Applaus: Stefan Bollinger räumt bei Julius Bär rigoros auf
Zürich, 26. Januar 2026 – Vor genau einem Jahr übernahm Stefan Bollinger die Leitung des renommierten Schweizer Vermögensverwalters Julius Bär als Chief Executive Officer (CEO). Seit seinem Amtsantritt hat Bollinger den Finanzdienstleister einem strikten „Fitnessprogramm“ unterzogen, das auf umfassende Restrukturierungen und Kostensenkungen setzt. Die Maßnahmen stoßen intern teils auf Unmut und bleiben von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet. Ein Rückblick auf ein Jahr tiefgreifender Veränderungen.
Kaum ein CEO in der Schweizer Finanzbranche entspricht dem öffentlichen Typus so wenig wie Stefan Bollinger. Gegensätzlich zu seinen Vorgängern hält sich der Manager strikt aus der Öffentlichkeit heraus, meidet Interviews und ist für externe Berater kaum erreichbar. Tatsächlich haben Berateranfragen häufig keinen Erfolg, denn Bollinger ist es ein Anliegen, die Kontrolle im Haus zu behalten, nachdem er zu Beginn seiner Amtszeit erschrocken festgestellt hatte, wie stark sich Julius Bär externen Beratern ausgeliefert hatte.
Ein harter Sparkurs und schlankere Strukturen
Innerhalb eines Jahres hat Bollinger tiefgreifend umgebaut: Die Geschäftsleitung wurde von ursprünglich 15 auf nur noch 5 Mitglieder reduziert. Daneben initiierte er ein rigoroses Sparprogramm, das im ersten Halbjahr 2025 den Abbau von 400 Stellen zur Folge hatte. Die Konsequenz dieser Maßnahmen ist klar: Sie erzeugen intern Unmut und öffentlichen Gegenwind. Restrukturierungen sind selten beliebt, und Mitarbeiterbefragungen sollen auch negative Stimmungen offenbart haben, die bereits im Verwaltungsrat diskutiert wurden.
Doch Bollinger sieht keine Alternative zu diesem harten Kurs. Er war überzeugt, dass die Julius Bär-Gruppe vor allem aufgrund eines aufgeblähten Apparates und einer zuletzt hohen Risikobelastung in eine schwierige Lage geraten war. Dies zeigte sich auch in dem Wertberichtigungsbedarf: Anfang 2025 musste die Bank bereits Abschreibungen in Höhe von 130 Millionen Franken vornehmen, weitere 149 Millionen folgten Ende letzten Jahres nach einer umfassenden Überprüfung des Kreditportfolios.
Strategische Neuausrichtung: Fokus auf Vermögensverwaltung
Eine der fundamentalen Konsequenzen war der Ausstieg aus dem ertragsorientierten Wohn- und Gewerbeimmobiliengeschäft, dessen Volumen rund 700 Millionen Franken betrug. Bollinger will damit eine klare Trennung von riskanterem Geschäft erzielen und den Aktienkurs sowie die langfristige Stabilität der Bank stärken.
Sein Ziel ist es, Julius Bär wieder als fokussierten Vermögensverwalter zu etablieren. Dabei richtet sich die Bank primär auf vermögende Kunden aus den Segmenten High-Net-Worth und Ultra-High-Net-Worth Individuals (HNWI und UHNWI) aus. Für die kommenden Jahre plant Bollinger ein Netto-Neugeldwachstum von vier bis fünf Prozent bis 2028. Internationale Wachstumsfelder
Neben der Stärkung des Heimmarkts Schweiz setzt Bollinger auf gezielte Expansionen. Besondere Aufmerksamkeit erhält der asiatische Raum sowie der Mittlere Osten. Zudem sieht er vielversprechende Wachstumschancen in Europa, insbesondere in Portugal und Mailand – Gebiete, in denen vermögende Privatkunden vermehrt präsent sind.
Aktionäre zeigen sich zuversichtlich
Trotz der harten internen Einschnitte und der öffentlich kaum wahrgenommenen Führungsstärke gewinnt Julius Bär an Vertrauen bei Anlegern zurück. Der Aktienkurs verfolgt seit geraumer Zeit einen deutlichen Aufwärtstrend und hält im Branchenvergleich mit Konkurrenten wie Vontobel oder UBS stand. Selbst der Weggang von Nick Dreckmann, Chief Operating Officer (COO) und früherer Interims-CEO nach zwanzig Jahren im Unternehmen, konnte die positive Entwicklung nicht stoppen.
Ausblick
Der nächste Großtest für Julius Bär wird die Veröffentlichung der Jahresergebnisse für 2025 am 2. Februar sein. Dann wird sich zeigen, ob die straffen Restrukturierungsmaßnahmen und strategischen Neuausrichtungen auch finanziell Früchte tragen. Für CEO Stefan Bollinger steht fest, dass nur ein konsequentes und nachhaltiges Aufräumen der Bank den Weg in eine stabile Zukunft ebnen kann – selbst wenn das vorerst ohne Applaus erfolgt.
Der Artikel wurde von Dominik Buholzer, Chefredaktor von finews.com, verfasst und basiert auf exklusiven Informationen aus der Schweizer Finanzbranche.